WS 2011/12

Medien der Atmosphäre

Hauptseminar

Dass Medien durch bestimmte atmosphärische Merkmale gekennzeichnet sind ist zwar intui­tiv einsichtig, doch als Fragestellung für die wissenschaftliche Analyse nicht vorhanden. Die Diffusität des Phänomens „Atmosphäre“ steht dem entgegen. Dennoch soll die Atmosphäre zum Thema des Seminars gemacht werden, und zwar in ihren verschiedenen Dimensionen: Zum einen gilt es, sich mit den verschiedenen Ansätzen der philosophischen Beschäftigung mit Atmosphären auseinanderzusetzen, die zumeist phänomenologischer Provenienz sind (Hermann Schmitz, Gernot Böhme, als Querverbindungen dann Hubert Tellenbach und Peter Sloterdijk). Diese zum Großteil medienlosen Ansätze gilt es zum anderen mit der Frage zu verbinden, wie und unter welchen Bedingungen Atmosphären entstehen und mit welchen Mitteln sie gestaltet werden können. Exemplarisch soll daher der Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Kunst des 20. und frühen 21. Jahrhunderts gerichtet werden, da sich hier verschiedenen Dimensionen des Atmosphärischen offenbaren:

  • Die Live-Künste – schon immer die atmosphärischen Künste par excéllence – werden ausdifferenziert (Theater, Performance, Happening, Aktion, Intervention, etc.) und er­halten ihren Platz nicht nur in den avantgardistischen Kunstbewegungen, sondern auch im Kanon der Kunstgeschichte und arbeiten mit der Hervorbringung sozialer Atmo­sphären durch verbale und non-verbale Interaktion;
  • Damit einher geht ein fundamentaler Wandel bezüglich der Wahrnehmungsformen des Rezipienten: nicht mehr Distanz, sondern Nähe, nicht mehr Passivität, sondern Akti­vität bestimmen sein Verhalten in den verschiedenen performativen Settings. Damit bekommen gerade solche Sinne eine zentrale Bedeutung, die über Jahrhunderte aus der Philosophie und Ästhetik verbannt worden waren: Taktilität, Olfaktorik und Gustatorik werden in derartigen multimedialen Präsenzkunstformen zu entscheidenden Wahrnehmungsmodi des Atmosphärischen.
  • Elemente der physikalischen Atmosphäre (Nebel, Rauch, Wolken, Dunst) werden als künstlerisches Medium erkannt und genutzt; ebenso hält die Diskussion um die Ver­änderungen der physikalischen Atmosphäre, also der Klimawandel, Einzug in die künstlerische Produktion, beispielsweise in der Land Art, aber auch in der architekto­nischen Reflexion zu Klimakapseln und zur Gestaltung alternativer Lebensräume.

Das Seminar beschäftigt sich mit all diesen Aspekten medialer Atmosphärenerzeugung und -reflexion – und zwar immer vor dem Hintergrund der grundsätzlichen methodologischen Frage, wie derartige diffuse Phänomene wissenschaftlich überhaupt erfasst werden können.