SS 2012

Kollektiv-Visionen: Massen – Mengen - Schwärme

Im Sog der omnipräsenten Web-2.0-Anwendungen, die – wie Facebook – beispielsweise 800 Millionen User dazu bringen, sich ihren technischen und kommerziellen Nutzungsbedingungen zu unterwerfen, lebt eine Diskussion wieder auf, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ihren Ursprung hat: Die Frage nach der Existenz und Beschaffenheit von Massen.
Die Protagonisten der frühen Massenpsychologie – wie Gustave Le Bon und Gabriel Tarde – entwickeln Ende des 19. Jhd.s Theorien einer irrational-affektiven, unkontrollierbar agierenden Masse. Genauso aber entstehen im Kontext des Sozialismus und Kommunismus positive Gegenvisionen einer intelligenten Masse, der die Regierungsgewalt zustehe. Mit „Masse und Macht“ von Elias Canetti erscheint 1960 das vielleicht letzte große Werk über Massen als „physischer Konvent“ (Peter Sloterdijk).

Danach ändert sich das Verständnis von Masse signifikant – nicht zuletzt durch die zunehmende Dominanz von Radio und Fernsehen, die keine örtliche, sondern eine zeitliche Präsenz von massenhaft Hörenden und Sehenden verlangen. Isolierte Individuen werden nun durch die Programme der Massenmedien zur Masse.

Die Vernetzungsstrategien des WWW erzeugen derzeit wiederum neue Positiv-Konzepte einer kollektiven Kreativität und Schwarmintelligenz, wie sie beispielsweise Pierre Lévy und Howard Reingold entwickeln.

Das Seminar wird in der Lektüre und Diskussion einschlägiger Texte versuchen, den jeweiligen Massenbegriffen auf die Spur zu kommen und ihre mediale Verfasstheit näher zu beleuchten. Gleichzeitig gilt es, die an den digitalen Medien entlang entwickelten aktuellen Konzepte wie beispielsweise das der „Schwarmintelligenz“ auf ihre Gültigkeit zu überpüfen.